Offene Beziehung: Fauler Kompromiss oder Liebe 2.0?

offene beziehungEs war einmal eine wunderschöne Prinzessin, die traf den stattlichen Prinz ihrer Träume und sie schwebten glücklich bis an Ende ihrer Tage auf Wolke Sieben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Soweit so märchenhaft. Heute dauert die Ewigkeit ewig – kann da ein Partner tatsächlich genügen? In jeder Hinsicht? Oder vergnügen sich die Königskinder vielleicht anderweitig?

Liebe ohne körperliche Treue – Viele tun es, wenige reden darüber.

Das Konzept der lebenslangen romantischen Liebe zu einer einzigen Person überstrahlt als Ideal viele andere Vorstellungen. Aber: Wie realistisch ist es? Wie viel Selbstdisziplin erfordert es, stets der Versuchung zu widerstehen? Kann man diese Energie vielleicht konstruktiver einsetzen?

Augen zu und durch?

Eine Möglichkeit: Sex mit anderen in Kombination mit Offenheit und Ehrlichkeit dem Partner gegenüber. Nicht selten ist ja der Vertrauensbruch weit schmerzhafter als die schnelle Auswärts-Nummer an sich. Also: Anything goes? Wer kommt denn mit einer derartigen Option auf Dauer klar? Andererseits: Ist das Modell offene Beziehung / Polyamorie nicht vielleicht sogar viel realistischer und erfolgversprechender in Zeiten wie diesen? Oder bleibt immer irgendjemand auf der Strecke?

Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Vielseitig interessierte Menschen kennen das Konzept eventuell aus dem Freundeskreis: Man erwartet einfach nicht, dass der beste Freund / die beste Freundin alle schrägen Hobbies und Freizeitaktivitäten teilt, sondern hat unzählige Gleichgesinnte für ganz spezielle Vorlieben. Keine faulen Kompromisse, keine Zwangsbeglückungen – Der eine kann nicht genug von Ballettaufführungen bekommen, mit der anderen tanzt man regelmäßig auf dem Tisch. Auch wenn die Arrangements im Detail ebenso unterschiedlich sind wie die Bezeichnungen – derzeit im Trend scheint etwa das Modell „Polyamorie“ – eines scheint sich herauszukristallisieren: Jede Beziehung ist anders. Und wenn alle Beteiligten zufrieden sind, dann gibt es wenig gegen die jeweilige Lebensform einzuwenden.

Kann eine offene Beziehung funktionieren?

Tja: Eine einfache Ja/Nein-Antwort wäre schön, nicht wahr? Aber selbst Experten sind sich über diese Frage nicht einig. Festzustellen ist: Vielfach schlittert man am Ende einer langen Partnerschaft, die an der großen „Bürde“ körperliche Treue zu zerbrechen droht, in ein alternatives Modell. Was für die einen der Anfang vom Ende ist kann jedenfalls nur dann eine Chance haben, wenn keiner der Beteiligten sich nur aus Angst auf einen für ihn faulen Kompromiss einlässt.

Wie führt man eine derartige Partnerschaft?

Die Details sind so zahlreich wie die Fehler, die man dabei begehen kann. Aussagekräftige repräsentative Langzeitstudien fehlen bis dato. Beispiele für und gegen diese Lebensform können so gut wie nie auf die Gesamtbevölkerung umgesetzt werden. Freigeister wie Künstler und Querdenker haben sich immer schon an derartige Experimente heran gewagt. Skeptiker meinen, dass dabei immer schon einzelne Beteiligte auf der Strecke geblieben sind. Da man aber in niemanden hinein schauen kann, bleibt es unterm Strich bis dato ein Rätsel.

Nichts als die Wahrheit?

DreiecksbeziehungSich immer wieder in neue Menschen zu „verschauen“ oder gar zu verlieben kann man / frau kaum verhindern. Befürworter der offenen Variante wollen nicht, dass diese wunderbaren Gefühle als etwas Schlechtes oder Bedrohliches angesehen werden. Diese Befindlichkeiten sind also anzuerkennen. Körperlich muss aber – im Gegensatz zum Vorurteil – nicht unter allen Umständen etwas laufen. So oder so: Eine ganz wichtige persönliche Entscheidung ist die Frage „Was genau will ich wissen?“.

Im Vorfeld müssen einige Regeln festgelegt werden. Auch wenn natürlich ein Ausbrechen aus dem strengen herkömmlichen Regelwerk eine wichtige Triebfeder darstellt, kann eine zu leichtfertige Herangehensweise tiefe Gräben aufreißen.

Ja, man selbst und das Herzblatt soll sich konstant weiterentwickeln können. Spirituelles und psychisches Wachstum jederzeit ein brandneues, aufregendes „Ich bin in dich verliebt“ zulassen. Dieses Gefühl der ganz frischen Schmetterlinge im Bauch wird parallel und nicht in Konkurrenz zum tiefen „Ich liebe dich“ angesehen.

Grundsätzlich muss ein „Ich habe da wen kennengelernt“ aber noch lange nicht heißen „Ich will etwas mit jemandem anderen anfangen“. Oft genügt die Möglichkeit völlig – und das Gefühl, sich gegenseitig nicht einzuschränken, sondern dem Anderen neue Erfahrungen von Herzen zu gönnen. Allerdings: Wenn es doch in der Horizontalen endet: Will ich wirklich die Details wissen, wie es war? Vergleicht man sich nicht automatisch? Schnürt es Liebenden nicht zwangsläufig Herz und Kehle zu, wenn das Objekt der Begierde von jemandem anderen schwärmt?

Jene, die es ausprobiert haben, scheinen unterschiedliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Ja: Da man dem anderen ohnehin anmerkt, dass da etwas “im Busch“ ist, schwört so mancher auf völlige Transparenz. Klingt vernünftig. Praktische Selbstversuche zeigen allerdings: Der Teufel schläft nicht. Und viele Konstellationen sind wohl eher zum Scheitern verurteilt. Heißt: Steht man wirklich komplett drüber, wenn man dem Betthupferl von gestern heute bei der Geburtstagsparty des Enkerls über den Weg läuft? Man entdeckt, dass man gemeinsame Freunde und Bekannte hat, die vermutlich nicht alle nachvollziehen können, was sich da genau abspielt? Was, wenn Nachwuchs im Spiel ist und Fragen stellt? Und vor allem: Unschuldig bei jeder Gelegenheit drauflos plappert diesbezüglich?

Häufig wird man aus Erfahrung klug und macht daher verbindlich aus: Niemand aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Um sicherzugehen: Vorher abklären!

Secrets and Lies

Wer jetzt sofort denkt: „Na das klingt ja nicht sehr spontan!“, der hat vermutlich recht. Da Vertrauen und ein gewisser verantwortungsvoller Umgang mit eventuellen Folgen und „Kollateralschäden“ ein essentieller Aspekt ist, muss – zumindest im engeren Umfeld – aber eben das eine oder andere Detail bedacht werden. „Nicht in der eigenen Stadt“ kann eine Regel sein, die daraus resultiert. So mancher geht einen Schritt weiter und „erlaubt“ Abenteuer ohne „Beichte“ davor oder danach außerhalb der Homebase. What happens in Vegas, stays in Vegas …

The more the merrier?

Eine heikle Balance also und eine Ab-und Herantasten zwischen persönlichem Freiraum und gemeinsamer Wohlfühlzone. Ein Tanz zwischen Theorie und Praxis, denn Eifersucht lässt sich einfach nicht auf Knopfdruck abstellen. Selbst wenn man sie als Egoismus ansieht. Aber vielleicht ist es ja doch einen Versuch wert? Besser gesagt: Lohnt es sich nicht tatsächlich, das Besitzdenken über Bord zu werfen und gelegentlichen Ausflügen mit derselben stoischen Gelassenheit begegnen, wie wenn der Partner mit Freunden Fußball spielen geht? Können wir der besseren Hälfte nicht einfach einen spaßigen Abend bei einer ausgelassenen Sexparty gönnen?

Contenance bewahren und „Drüber stehen“ um jeden Preis? Verleugnet man damit nicht schlicht seine Gefühle? Wie schafft man es, sich nicht vom Zauber des Neuen und Unbekannten bedroht zu fühlen und gewiss zu sein, dass mehrere unterschiedliche Individuen ganz von einander unabhängig zusammen sein wollen. Sexuell. Oder spirituell. Im Idealfall: Beides.

Polyamorie – Vielfältige Liebe als Zukunftsmodell?

Jeder mit jedem, Harem, freie Liebe ohne Einschränkung: Viele Mythen entsprechen einfach nicht den tatsächlichen Lebenskonzepten. Polyamorie hat als Symbol ein Herz mit integrierten Zeichen der Unendlichkeit. Das englische Kunstwort „Polyamory aus dem Griechischen „viel, mehrere“ und Latein „Liebe“ steht für den Oberbegriff einer Praxis, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur selben Zeit zu pflegen. Wichtig: Das volle Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner.]

Die Bindungen sind langfristig und vertrauensvoll konzipiert und schließen Verliebtheit, Zärtlichkeit und Sexualität ein.

Die nichtmonogamen Beziehungen sind auf emotionaler Ebene vergleichbar mit Freundschaften oder familiären Bindungen, haben aber eine große sexuelle Komponente, Nicht selten haben Beteiligte bisexuelle Neigungen, die gemeinsam mit dem „Hauptpartner“ ausgelebt werden können.

Dieses Konzept stellt ganz grundsätzlich die Vorstellung in Frage, dass eine Zweierbeziehung die einzig erstrebenswerte oder mögliche Form eines glücklichen Zusammenlebens darstellt.

Ähnlich angelegt ist die Idee einer offenen Beziehung /Partnerschaft /Ehe, in der die „Außenkontakte“ allerdings unterschiedlich tief gehen können. Die Beteiligten stehen einander grundsätzlich und wissentlich die Freiheit zu, auch andere Partner, insbesondere Sexualpartner zu haben. Mit einem Konflikt mit konventionellen Erwartungen an und Moralvorstellungen muss man / frau umgehen können.

Kein Synonym: Offene Beziehung versus Polyamorie

Auch wenn Einzelfälle ähnlich anmuten können, besteht ein essentieller Unterschied: Die Offenheit in einer offenen Beziehung fokussiert in erster Linie auf den sexuellen Aspekt. Gerade in dieser Hinsicht werden meist strikte Beschränkungen festgelegt, was bei Polyamorie oftmals immer wieder neu ausdiskutiert wird.

Beziehungskrisen und Fremdgehen sind übrigens auch diesen Konzepten keineswegs völlig fremd. Je nach Beziehungsform wird zwar die klassische Monogamie abgelehnt, ein kompletter Freibrief ist das aber so gut wie nie.

Wenn die neue Freundin aus Bindungsangst Exklusivität ausschließt, hat ihr Herzblatt schlechte Karten. Vor allem, wenn der Wunsch nach sexueller Untreue einseitig ist, kann am Ende kaum Zufriedenheit bei allen Beteiligten aufkommen. Selbst dann, wenn man am eigenen Leib erfahren hat, dass Geheimnisse das Verletzendste an einem Seitensprung sein können. Manchmal ist das beste Ende für eine monogame Bindung die Scheidung – eifersüchtig andere Konstellationen zu ertragen würde kein Psychologe raten.

Friends with Benefits versus Eifersucht, Einsamkeit und Ehekrise?

Friends with BenefitsBei der Partnersuche setzt jeder auf eine ganz eigene Zusammensetzung aus romantischen, freundschaftlichen und sexuellen Komponenten. In letzter Zeit scheint es eine Häufigkeit an Versuchen zu geben, den nicht unbedingt exklusiven Begriff „Herzensmensch“ neu zu definieren.

Sex und Gefühle trennen zu wollen scheint bei beiden Geschlechtern en Vogue – Ist das  Ende der Monogamie gekommen? Passt die Vorstellung vielleicht einfach nicht für jeden? Es gibt nun mal Einzelgänger, Gruppenwesen und Freigeister, die ihre ganz individuellen Bedürfnisse im sozialen Umfeld suchen. Und finden.

Viele aufregend-atemberaubende neue Erfahrungen mit unterschiedlichen Bezugspersonen gleichzeitig sammeln zu dürfen, die voneinander wissen und einander sogar mögen und bereichern, klingt spannend, aufregend und toll. Die „Beziehungsarbeit“ muss allerdings auch unter einander stattfinden. Mehrere Individuen unter einen Hut zu bringen, erfordert durchaus Energie und Organisation. Manchmal schlittert man durch einen Wechsel der Umstände – etwa räumliche Trennungen – in derartige Konstellationen und glaubt so, das Beste aus allen Welten zu bekommen.

Ein Gefühl von Gemeinschaft, Einheit und Fürsorge kann auch im Rahmen von Gruppendynamik aufkommen. Vielleicht entsteht ja tatsächliche eine Emotion à la Wunschfamilie oder heimeliges Nest…

Leider besteht die Gefahr einer Projektion von sich auf alle Beteiligten: unterschiedlichste Interessen und Bedürfnisse können sich in absoluter Verunsicherung manifestieren, selbst wenn sich alle größte Mühe geben.

Offen über unsere Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren kann man allerdings nur dann, wenn man diese kennt. Das setzt ein grundsätzliches In-sich-Selbst-Ruhen voraus. Und eine gesunde Balance an Egoismus und Gruppenkompatibilität.

Anfang vom Ende?

Nicht selten ist der Freibrief zum Seitensprung ein lahmer Versuch mit wenig Eigeninitiative, wieder mehr Prickeln in eine Beziehung zu bringen. Als allerletzter Ausweg, wenn alles Andere gescheitert ist und man nur noch neben einander her lebt. Ein radikaler Schlussstrich wird aus Gründen wie Bequemlichkeit und Finanzen aufgeschoben. Aufregend, neu, abenteuerlich soll das Leben aber doch rasch werden.

Sündige Stunden außerhalb als Alternativprogramm zum drögen Ehealltag sollen den Kick verschaffen, den man schon so lange nicht mehr spürt. Tja – Warum dann nicht mit erhobenem Haupt einen Schlussstrich ziehen und es tatsächlich mit einer Freundschaft versuchen? Viel spielt sich ja meist im Ehebett ohnehin nicht mehr ab.

Fremdgehen mit Erlaubnis, ohne dabei die eigene Beziehung aufs Spiel zu setzen. Komfort und liebevoller Umgang in der Partnerschaft , Respekt und aufregende Abenteuer gleichzeitig: Eine verlockende Abwechslung, aber kann das gut gehen? Was, wenn man sich doch Hals über Kopf verliebt? Kann man diese Möglichkeit ja ausschließen? Und, last but not least: Ist eine derartige Herangehensweise jemals fair gegenüber den Dritten? Muss nicht irgendjemand zwangsläufig auf der Strecke bleiben?

Die diesbezüglichen Erfahrungen sind völlig unterschiedlich. Nicht zuletzt deshalb, weil jeder sein „Binkerl“ aus vorherigen Bindungen mit sich trägt.

Unbewusste emotionale Erwartungen

Paartherapeuten zeigen sich durchaus skeptisch. Selbstwert und Sicherheit findet man heute oft nicht mehr durch die soziale Umwelt, sondern in der Paarbeziehung. Abenteuer können außerhalb das Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit verletzen.

Fazit: Sündig oder sinnvoll?

Oft stolpern Paare in das Experiment „offene Beziehung“ nach jahrzehntelangen Partnerschaften. Und schmerzhaften heimlichen Seitensprüngen. Ehrlichkeit kann eine Bereicherung sein – oft ist das Vertrauen allerdings so geschädigt, dass der Anfang vom Ende längst absehbar ist. Dann hält man an etwas längst Zerstörtem unnötig lange fest.

Emotionale Nähe und Liebe ja bitte, sexuelle Exklusivität nein danke – ob beides tatsächlich zu vereinbaren ist? Das muss man ganz individuell herausfinden. Drum suche, wer sie ewig bindet… Die Diskrepanz zwischen sicherem Hafen und Abwechslung im Bett spricht für die Liebe ohne körperliche Treue. Ob es das wert ist, zeigt nur der Selbstversuch.

Wer Treue bewahrt, kennt nur die triviale Seite der Liebe. Nur die Treulosen kennen die Tragödien der Liebe. Oscar Wilde

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