Emotionale Erpressung: So entkommen Sie der Gefühlsfalle

emotionale erpressung - partner steuertHaben Sie in Ihrer Partnerschaft oft das Gefühl, dass Ihr Partner unsichtbare Fäden zieht, mit denen er Sie nach seinem eigenen Belieben lenkt? Dass Sie nicht mehr Ihre Bedürfnisse und Wünsche leben, sondern die des Partners? Dass Ihr Handeln und Fühlen permanent durch Schuldgefühle Ihrem Partner gegenüber gesteuert ist? Dann sind Sie vermutlich eine Marionette geworden – im Spiel der emotionalen Erpressung seitens Ihres Partners.

Emotionale Erpressung – die Definition

Unter emotionaler Erpressung versteht man, wenn ein Mensch versucht, einen anderen über Gefühle zu manipulieren: Soweit die sachliche Definition. Wie aus dieser kurzen Beschreibung deutlich wird, gehören bei emotionaler Erpressung – wie bei jedem guten Marionettenspiel – immer zwei Akteure dazu: Der eine, der die Fäden zieht und die Marionette lenkt. Und der andere, der sich wie eine Marionette lenken lässt. Beide sind voneinander gewissermaßen abhängig und gestalten das Spiel gemeinsam.

Zwei Akteure in einem Stück

Emotionale Erpressung - Zwei Akteure in einem StückDer Erpresser will vor allem eines erreichen: Schuldgefühle beim Erpressten zu wecken, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen, sodass er sich verpflichtet fühlt, gegen seinen Willen zu handeln und die Erwartungshaltung des Erpressers zu erfüllen.

Auch wenn der Erpresser auf den ersten Blick als der Stärkere wirkt, der die Fäden in der Hand hält, verbirgt sich hinter seiner Stärke doch eine Schwäche: Trennungsangst, mangelndes Selbstbewusstsein, Liebessucht oder und ein Unvermögen, seine Bedürfnisse auf eine reife Art und Weise zu kommunizieren. Das Repertoire des Erpressers, seinen Partner zu manipulieren und Druck auf ihn auszuüben, ist vielfältig und kann – je nach Situation – unterschiedlich eingesetzt werden:

  • Negative Vergleiche mit anderen Personen
  • Liebesentzug
  • Drohungen, dass es ihm schlecht gehen wird, wenn er seine Wünsche nicht erfüllt
  • Androhung von Trennung oder Selbstmord
  • Erinnerungen an Verpflichtungen und Gefälligkeiten
  • Durch Schweigen Schuldgefühle erzeugen
  • Wutausbrüche
  • Beschimpfen und Missachtung des Anderen
  • Vorwürfe an den Partner, egoistisch und dickköpfig zu sein
  • Wahrheitsverdrehen
  • Der leidende Blick
  • Isolation von Freunden und Familie

Der Erpresste wird mit typischen Aussagen konfrontiert und manipuliert wie zum Beispiel:

  • Wie konntest du mich nur so behandeln.
  • Ich bin schwer enttäuscht von dir.
  • Du musst schon wissen, ob du heute Abend lieber ausgehst.
  • Wenn du mich lieben würdest, dann würdest du dich nicht so verhalten.
  • So unfair, wie du dich mir gegenüber verhältst.
  • Na ja, dann mache ich es eben selbst.
  • Das habe ich nie so gesagt.
  • Der XY bringt seiner Frau immer Blumen.

Was passiert mit dem Erpressten? Die geschilderten Verhaltensweisen und Äußerungen des Erpressers haben auf den Erpressten eine enorme Wirkung. Er verspürt Schuldgefühle und setzt auf Vermeidungsstrategie: Er nimmt sich zurück, ist gefügig, gibt bei Konflikten nach. Das schlechte Gewissen reift ihn ihm gemeinsam mit dem falschen Glauben, dass er seinem Partner gegenüber etwas schuldig ist.

Er katapultiert sich immer tiefer in die Opfer-Rolle. Doch je mehr das Opfer in die Defensive geht, desto vehementer wird der Täter:  Die Erpressung kann im Laufe der Zeit immer extremere Züge annehmen, der Erpresser kann zu immer heftigeren Mitteln greifen wie eigene Vernachlässigung, starke Verletzungen bis hin zum Suizidversuch.

Schließlich passiert das Paradoxe: Obwohl der Erpresser beim Erpressten seinen Willen durchgesetzt und seine Wünsche erfüllt bekommen hat, verliert er mit jedem Nachgeben des Opfers ein Stückchen Respekt vor ihm, hält ihn am Ende für schwach, kann ihm gegenüber keinen Respekt mehr empfinden.

Ein unendlicher Teufelskreis wird in den Gang gesetzt, beide sind gefangen in ihren Rollen, ihrer Gefühlsfalle. Übrigens – auch bei den Erpressten gibt es ein typisches „Psychogramm“: Übermäßiges Bedürfnis nach Lob, eine ausgeprägte Angst vor Wut, ein starkes Harmoniebedürfnis, ein hohes Maß an Selbstzweifeln, eine starke Tendenz, sich für das Leben anderer verantwortlich zu fühlen. Diese Eigenschaften lassen Sie leichter zum Opfer werden.

Raus aus der Gefühlsfalle!

Gefühlsfalle - emotionale ErpressungEin Ausstieg aus der emotionalen Erpressung gestaltet sich nicht einfach. Zum einen, weil die emotionale Erpressung ein schleichender Prozess ist: Der Täter beginnt erst einmal mit harmloseren Versuchen der emotionalen Erpressung, die sich dann aber bei entsprechender Gegenreaktion des Opfers weiter steigern und intensivieren.

Zudem ist hier die Fremd- und Eigenwahrnehmung stark verschoben. Dem Erpresser ist gar nicht bewusst, dass er den anderen erpresst. Er sieht die Partnerschaft durch seine Erpresser-Brille und  fühlt einen permanenten Mangel: Mangel an Liebe, Mangel an Aufmerksamkeit, Mangel an Hilfe und Unterstützung. Wenn der Partner bei jedem Fingerschnippen auf seine Wünsche eingeht und versucht, diese umgehend zu erfüllen, fühlt sich der Erpresser machtvoll, zufrieden. Zumindest für eine gewisse Zeit. Und auch das Opfer merkt meistens lange Zeit nicht, dass etwas in der Beziehung nicht stimmt: Nämlich, dass es emotional erpresst wird. Erst mit der Zeit nimmt es möglicherweise Anzeichen wahr, die für ein seelisches oder körperliches Ungleichgewicht sprechen.

Schuldgefühle

Das Opfer fühlt sich ständig schuldig, wenn es seinen eigenen Willen gegen den Willen des Partners stellen möchte.

Unter Druck

Das Opfer fühlt sich in der Beziehung unter Druck, weil sich der Erpresser-Partner dominant in den Vordergrund stellt.

Selbstzweifel

Das Opfer wird ständig mit anderen verglichen, hat das Gefühl, nicht genug zu sein.

Konfliktvermeidung

Das Opfer bemüht sich stets, Konflikten aus dem Wege zu gehen, um eine schlechte Grundstimmung in der Partnerschaft zu vermeiden.

Wut

Das Opfer fühlt sich oft grundlos wütend auf den Partner. Emotionale Erpressung kann zu Aggressionen oder gar Gewaltfantasien führen.

Körperliche Beschwerden

Das Opfer leidet unter wiederkehrenden Kopf- oder Magenschmerzen, Schlafstörungen, ist gereizt, verspürt gedrückte Stimmung.

Fühlen auch Sie sich wie eine Marionette Ihres Partners? Nehmen auch Sie bei sich die Zeichen der emotionalen Erpressung und ihre Folgen wie Wut, Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle oder Selbstzweifel wahr? Dann ist es höchste Zeit, die unsichtbaren Fäden zu durchtrennen, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Die gute Nachricht ist: Mit dem Erkennen der Anzeichen haben Sie schon den ersten Schritt getan: nämlich zur Bewusstwerdung. Jetzt können Sie den nächsten Schritt wagen – zum Handeln.

Raus aus der Beziehung?

Eine Beziehung, die durch emotionale Erpressung geprägt ist, ist nie gesund. Nicht für das Opfer, das in der Beziehung seine Identität nicht leben kann, sein ICH nicht frei entfalten kann. Aber auch nicht für den Erpresser, der auf eine ungesunde Art und Weise seine Bedürfnisse auf Kosten des Partners auslebt und somit aber auch keine Chance hat, eine erwachsene Partnerbeziehung auf Augenhöhe zu führen.

Die Beziehung zu verlassen, sich vom manipulativen Partner zu trennen, kann ein möglicher Ausweg sein. Aber viele Beziehungen haben trotz emotionaler Manipulation dennoch eine wertvolle Grundlage: starke Liebe und Zuneigung, einen gemeinsamen Freundeskreis, gemeinsame Erlebnisse, Hobbies oder gar gemeinsame Kinder. Dann lohnt es sich, die Beziehung nicht sofort zu beenden, sondern an ihr zu arbeiten. Mögliche Wege aus der emotionalen Erpressung könnten sein:

  • Objektiver Blick

Sprechen Sie mit Freunden und Verwandten über Ihre Sorgen und Beziehungszweifel. Oft hilft ein Blick von außen auf die Beziehung, um diese klarer zu sehen und Missstände zu identifizieren.

  • Gespräch mit dem Partner

Sprechen Sie beim Partner aus, was Sie bewegt. Beschreiben Sie, wie Sie sich fühlen, verwenden Sie möglichst ICH-Botschaften, DU-Botschaften werden schnell als Anklage und Vorwurf verstanden und ziehen sofortige Gegenwehr nach sich.

  • Entwickeln Sie Selbstbewusstsein

Legen Sie sich einen wirksamen Schutzschild gegen Erpressung an: gesundes Selbstbewusstsein. Besinnen Sie sich auf Ihr Selbstwertgefühl, schützen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und trauen Sie sich, diese auf die gleiche Stufe wie die Bedürfnisse Ihres Partners zu stellen.

  • Souveräner Auftritt

Überprüfen Sie die eigene Körpersprache. Gebeugte Haltung signalisiert Unterwürfigkeit, aufrechte Haltung hingegen Stärke und Selbstbewusstsein – ein wertvoller Schutz gegen Manipulationsversuche.

  • Nein sagen

Da die manipulative Erpressung mit gegenseitiger Verstrickung von Täter und Opfer einhergeht, ist es wichtig, dass Sie Ihr Verhalten und Ihre Kommunikation ändern, sich trauen auch mal nein zu sagen: „Nein, das sehe ich anders. Nein, ich fühle mich von dir unter Druck gesetzt. Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht helfen“. Mit einer konsequenten Verhaltensänderung beziehungsweise Änderung Ihrer Kommunikation durchbrechen Sie die schädlichen Verhaltensmuster in Ihrer Beziehung. Der Täter kann nicht mehr in gewohnter Weise agieren, da er erkennt, dass er damit nicht mehr zum Erfolg kommt. Somit ist auch er gezwungen, neue Verhaltensweisen in der Beziehung zu entwickeln.

  • Distanz

Eskaliert die Situation, hilft nur noch Distanz. Beenden Sie auf vernünftige Weise das Gespräch, verlassen Sie die Wohnung.

  • Haben sie Geduld

Die schweren emotionalen Verstrickungen lassen sich vielleicht nicht mit einem ersten Versuch ändern. Haben Sie Geduld und lassen Sie sich durch Rückschläge nicht entmutigen. Tiefgreifende Verhaltensänderungen brauchen Zeit – und die brauchen Sie gleichermaßen wie Ihr Partner.

  • Professionelle Hilfe

Manchmal sind die emotionalen Abhängigkeiten, die Verwirrung und die Angst so stark, dass Sie nicht allein weiter kommen. Suchen Sie sich professionelle Hilfe von einem erfahrenen Psychotherapeuten, der Kommunikationsstile und Verhaltensmuster offen legen und vermitteln kann, wie einer seine Bedürfnisse dem anderen gengenüber angemessen äußern kann. Ganz gleich, ob Sie allein oder mit Ihrem Partner die Beratungsstelle aufsuchen.

  • Trennung/Scheidung

Wenn alle Versuche erfolglos verlaufen sind, und die Beziehungsbeteiligten ihren Weg aus der emotionalen Erpressung nicht herausfinden, ist der einzige Ausweg die Trennung bzw. Scheidung.

Ende gut – nichts gut?

emotionale abhängigkeit überwindenIn besonders schweren Fällen von emotionaler Abhängigkeit bedeutet das Ende der Beziehung noch lange nicht das Ende der emotionalen Erpressung. Der verlassene Erpresser schlüpft erneut in seine Opfer-Rolle und greift zu den gewohnten Mustern: der ganzen Klaviatur der emotionalen Erpressung. Möglicherwiese wirft er Ihnen vor, ihn im Stich gelassen zu haben. Möglicherweise appelliert er an Ihr Pflichtbewusstsein, ein guter Partner in guten und in schlechten Zeiten zu sein. Möglicherweise droht er an, sich etwas anzutun.

Bleiben Sie konsequent, steigen Sie nicht mehr in das Spiel als Marionette ein, lassen Sie sich nicht mehr in die Spirale der Schuldgefühle hineinziehen. Solange die Trennung halbwegs fair abgelaufen ist, haben Sie sich nichts vorzuwerfen. Lassen Sie sich auch nicht dazu hinreißen, den verlassenen Partner trösten zu wollen.

Die Psychologin Wiebke Neberich ist der Meinung: „Sich zu trennen und den Ex-Partner zu trösten, macht es für beide Partner nur noch schwerer, sich voneinander zu lösen. Beide müssen sich nach der Trennung erst einmal wieder auf ihr eigenes Leben konzentrieren und sich daran gewöhnen, dass der Ex-Partner eben nicht mehr der erste Ansprechpartner bei emotionalen Krisen ist.“

Wenn der Ex-Partner nach wie vor die gewohnten Verhaltensmuster der emotionalen Erpressung anwendet, sollten Sie es nicht scheuen, eine Kontaktsperre einzuleiten. Denn so heftig Ihnen dieses letzte Mittel auch vorkommen mag: Mit dieser konsequenten Handlungsweise tun Sie am Ende Ihrem Partner einen Gefallen. Sie ermöglichen ihm, sich von Ihnen zu lösen und machen für ihn den Weg frei für einen neuen Partner, der besser zu ihm passt. Damit der quälende Marionetten-Tanz zwischen Ihnen Beiden endlich keine neue Vorstellung mehr findet.

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Helena Weiß

Über Helena Weiß

Helena Weiß ist Personalreferentin und freiberufliche Texterin. Sie war viele Jahre in diversen Werbeagenturen als Werbetexterin tätig, studierte Wirtschaftspsychologie und schreibt gerne über Themen aus dem Bereich Paarpsychologie.

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