Archiv für den Monat:

Verlustangst: Die Angst im Kopf – und im Herzen

Verlustangst & Klammern in der BeziehungSteigende Panik im Bauch, wenn sich der Partner verspätet und nicht wie ausgemacht nach Hause kommt. Ein misstrauischer Seitenblick, wenn er sich mit einem netten Gegenüber etwas länger unterhält. Eine unerträgliche Enge in der Brust, wenn er mal länger nicht auf eine WhatsApp antwortet.

All dies sind Szenen einer Beziehung – bei der die Angst, den Partner zu verlieren, Regie führt. Solange die Angst im Rahmen bleibt, bedeutet es keinen Untergang für die Beziehung. Schließlich ist die Angst, den geliebten Partner zu verlieren, sicherlich vielen Menschen nicht fremd. Wenn die Angst aber droht, Sie aufzufressen, Sie beherrscht, Sie lahmlegt – dann spricht man von einer extrem ausgeprägten Verlustangst, einer Angststörung.

Verlustangst – eine weite Reise zurück in die Vergangenheit

Die Angst ist psychologisch gesehen eigentlich etwas Positives, sie fungiert als eine sehr wichtige Schutzfunktion der Psyche. Sie hat einen evolutionären Ursprung und ist nützlich und gut, solange sie uns vor gefährlichen Situationen warnt. Wenn sie eine extreme Form der Verlustangst annimmt, ist sie schädlich – für den Betroffenen und die Beziehung.

Die Verlustangst hat fast immer ihren Ursprung in der Kindheit. Denn wie man mit menschlicher Nähe umgeht, ist ein Prozess, der bereits am ersten Tag unseres Lebens beginnt. Dabei sind die familiären Verhältnisse prägend – und wenn sie nicht hilfreich und unterstützend waren, wirkt sich dies auf das restliche, spätere Leben negativ aus. So gibt es traumatische Erlebnisse oder Missstände in der Kindheit, die die Entstehung der Verlustangst begünstigen:

  • Trennung der Eltern, durch die ein Elternteil keinen Kontakt mehr zum Kind hatte
  • Tod der nahstehenden Personen, der nicht verarbeitet wurde
  • Angstbereitschaft in der Familie
  • Depressionsneigung in der Familie
  • Mangel an allgemeinen Bewältigungsthemen (wie Trauerritualen)
  • Erziehung zur Unselbständigkeit
  • Erziehung zu einem schlechten Selbstwertgefühl
  • Hilflosigkeit der Bezugspersonen
  • Bezugspersonen zeigen keine Gefühle
  • Vernachlässigung durch einen oder beide Elternteile

Schon im Säuglingsalter ist der Mensch mit Verlustangst konfrontiert. Wenn der Säugling merkt, dass er unabhängig von der Mutter existiert, fürchtet er, sie zu verlieren. Er hat noch nicht gelernt, dass das kurze Verschwinden der Mutter keinen endgültigen, dauerhaften Verlust bedeutet – diese frühkindliche Trennungsangst ist normalerweise bis zum dritten Lebensjahr ausgeprägt und verschwindet dann allmählich. Mit den Jahren wächst dann das Gefühl der eigenen Stärke und Unabhängigkeit weiter – und damit auch die Fähigkeit, Verluste zu überstehen, mit Ängsten fertig zu werden. Vorausgesetzt, die Menschen wachsen in einer optimalen Umgebung auf. Eine schwere Kindheit hingegen kann verhindern, dass sich das Urvertrauen bildet. Frühe, unverarbeitete Verluste, Zurückweisung, Gewalt und andere traumatische Erlebnisse führen dann zu der inneren Überzeugung, nicht liebenswert zu sein, niemandem vertrauen zu können.

Übrigens: Nicht immer entsteht ein Trauma durch schlimme Umstände. Manchmal basiert es auf Missverständnissen, indem wir nur annehmen, dass die Eltern uns verlassen wollten. Dem kann eine ehrliche, offene Kommunikation mit Kindern und eine genaue Beobachtung ihrer Gemütslage sowie ihrer Reaktionen entgegensteuern.

Verlustangst und ihre vielen Gesichter

Das Typische an der Verlustangststörung ist, dass sie eigentlich keinen konkreten Bezug zu einer bestimmten realen Gefahr hat. Sie ist in den meisten Fällen grundlos, entsteht nur im Kopf des Betroffenen. Die Verlustangst äußert sich nicht eindeutig durch ein einziges, klar definiertes Symptom. Sondern durch verschiedene Anzeichen, die wahlweise einzeln und gemeinsam auftreten können:

  • Starkes Klammern
  • Extreme, grundlose Eifersucht
  • Festhalten an Freundschaften/Partnerschaften, die einem nicht guttun
  • Ausgeprägtes Kontrollverhalten
  • Angst vor dem Alleinsein
  • Vermeiden von Nähe in Beziehungen (Bindungsangst)
  • Starkes Bedürfnis nach Bestätigung durch den Partner
  • Pessimistische Sicht auf Beziehungen
  • Selbstzweifel
  • Seelische Symptome wie Depressionen
  • Körperliche Symptome wie Herzrasen, Essstörungen, Schlafstörungen, Gedächtnisschwäche

Wie schon gesagt, äußern sich diese Symptome je nach Charakter und Persönlichkeit. Doch gibt es auch geschlechtsspezifische Unterschiede? Äußert sich die Verlustangst bei Männern und Frauen auf unterschiedliche Weise? Da in unserer Gesellschaft für die Männer immer noch die Rolle der Starken vorgesehen ist, neigen sie vermutlich etwas weniger zum ängstlichen, klammernden Verhalten, als vielmehr zu Bindungsängsten, die sie als der aktive Part ausleben, indem sie sich von vorne herein den verbindlichen Beziehungen entziehen – eben aus Angst vor einer Trennung, einem Verlust. Frauen identifizieren sich wiederum vermutlich mehr mit der schwächeren Rolle – und zeigen eher ein unterwürfiges, klammerndes Verhalten in den Partnerschaften.

Der Blick in die ängstliche Seele

Angst den Partner zu verlierenDie Angstgeplagten unterscheidet von den anderen Menschen eigentlich nicht unbedingt die Angst vor dem Verlust – sondern die Tatsache, wie sie den Verlust bewerten. Während Menschen ohne extreme Ängste Verluste als dazugehörig im Leben akzeptieren, ist ein Verlust für die Betroffenen existenziell, oft die schlimmste Vorstellung.

Sie reagieren auf die vermeintliche Bedrohung so, wie es Menschen seit Urzeiten schon immer gemacht haben: Entweder, indem sie sich kampfbereit zeigen oder die Flucht ergreifen. Somit handeln angstgeplagte Menschen je nach Charakter und eventuell Geschlecht manchmal aggressiv und fordernd – indem sie häufig viele Liebesbeweise einfordern, ihre Eifersucht offen ausleben oder den Partner übermäßig kontrollieren. Andere hingegen unterwerfen sich vor Angst dem Partner vollkommen, versuchen, auf jeden seiner Wünsche einzugehen und alles richtig zu machen, damit er sie nicht verlässt. Die Angst, den Partner zu verlieren, wird dabei auf sich selbst projiziert – viele Betroffene leiden unter einem schwachen Selbstwertgefühl, halten sich für nicht liebenswert.

Für den Partner ist das Angstverhalten sehr schwer zu ertragen. Er muss immer wieder erleben, dass seine Liebe nicht ausreicht, wird ständig mit der Angst und dem Misstrauen des Anderen konfrontiert und kann diese doch nicht beeinflussen. Auf das bedrängende, angsterfüllte Verhalten kann er nur mit Selbstschutz reagieren – und geht auf Distanz. Ein Teufelskreis entsteht: Je stärker der Betroffene klammert, vorwirft, kontrolliert – desto mehr entzieht sich ihm sein Partner. So wird der Betroffene wiederum in seinen Ängsten bestätigt, eine selbsterfüllende Prophezeiung tritt ein.

Dass eine Beziehung voller Vorwürfe, Ängste, Aggressionen und Misstrauen kein Ort der Harmonie ist, versteht sich von alleine. Schließlich erfährt der Partner immer wieder, dass die Betroffenen nicht glauben, dass er sie wahrhaftig liebt. So geht nicht nur er, sondern auch seine Liebe auf Distanz – bis sie endgültig erlischt. Und mit ihm auch die Partnerschaft.

Verlustangst verlieren – Liebesqualität gewinnen

Verlustangst überwindenAuch wenn es erst einmal seltsam klingt: Etwas zu verlieren, kann manchmal ein wirklich befreiendes Gefühl sein – zum Beispiel, wenn es gelingt, die Verlustangst zu verlieren. Diesen schweren Ballast abzuwerfen, der den Betroffenen und Ihren Beziehungen schadet.

Sicherlich wird es kein schneller und einfacher Weg sein – denn die Verletzungen, die dieser Angst zugrunde liegen, sitzen tief und müssen erst einmal ins Bewusstsein befördert und verarbeitet werden. Wenn Sie die Symptome der Verlustangst bei sich erkannt haben, sollen Ihnen die nachfolgenden Tipps helfen, mit diesem quälenden Gefühl fertig zu werden:

 

  • Erkenntnis

Der erste Schritt zu einer Besserung ist das Bewusstwerden über Ihre Angst. Dies ist natürlich nicht immer einfach – denn Verlustängste zeigen sich nicht oft direkt, die Symptome kann man nicht sofort der Verlustangst zuordnen. Beobachten Sie sich genau, gestehen Sie sich Ihre Verlustangst ein und machen Sie dadurch den Weg frei für die Suche nach den Ursachen.

 

  • Selbstliebe

Wenn Sie unter Verlustangst leiden, ist bei Ihnen vermutlich ein geringes Selbstwertgefühl vorhanden. Sie müssen erst lernen, sich selbst zu lieben. Schaffen Sie negative Gedanken über sich selbst ab, behelfen Sie sich mit positiven, selbstbejahenden Affirmationen wie zum Beispiel:

  • Ich kann mir und anderen verzeihen
  • Ich verdiene es, Menschen in meinem Leben zu haben, die mich lieben
  • Ich bin bereit, mein Leben zu ändern

 

  • Ängste in Worte fassen

Es ist wichtig, seine Ängste nach außen zu tragen und zu verarbeiten, statt sie zu unterdrücken. So kann es hilfreich sein, dass Sie Ihre negativen Gedanken und Ängste in Worte fassen und aufschreiben. Auf diese Weise kann man sehr schnell feststellen, ob die Ängste irrational sind und eigentlich gar keinen realen Anlass haben. Natürlich ist auch ein offenes, ehrliches Gespräch mit dem Partner ein weiterer Schritt zur Besserung.

  • Entspannung

Entspannungsübungen sind bei Ängsten auch sehr wirkungsvoll – zum Beispiel Atemübungen oder Meditation.

  • Fokus anders setzen

Konzentrieren Sie sich auf die positiven Aspekte in der Partnerschaft: Was lieben Sie besonders an Ihrem Partner? Was zeigt Ihnen, dass er Sie liebt? Sie müssen trainieren, nach den Beweisen für die Liebe Ihres Partners zu suchen – statt nach den Hinweisen für einen möglichen Verlust.

  • Eigenständig werden

Machen Sie Ihr Glück nicht nur von Ihrem Partner abhängig. Suchen Sie sich ein Hobby, das Sie ausfüllt und das Ihnen auch ohne Ihren Partner Spaß macht.

  • Ursachenforschung

Suchen Sie nach den Ursachen Ihrer Verlustangst: Was waren die ersten Verlusterfahrungen? Welche Einstellungen sind daraus entstanden? Sind diese Einstellungen noch auf Ihr heutiges Leben übertragbar?

  • Therapeutische Hilfe

Wenn Sie mit der Verlustangst nicht allein fertig werden, suchen Sie sich einen Therapeuten oder psychologischen Berater. Die Ziele der Therapie sind hauptsächlich Vertrauensbildung, Realitätsprüfung, Verständnis für sich selbst sowie konkrete Verhaltensänderungen. Sie können sich natürlich auch unter Gleichgesinnte begeben – suchen Sie Kontakt zu Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe.

 

Ganz gleich, ob Sie mit eigener Kraft oder mit therapeutischer Hilfe gegen die Verlustangst ankämpfen – eines müssen Sie sich vor Augen führen: Sie sind in Beziehungen nicht hilflos ausgeliefert, sondern können diese beeinflussen. Sich nämlich so zu verhalten, dass manche Menschen Sie schätzen und freiwillig Ihre Nähe suchen.

Es braucht Zeit und Ehrlichkeit zu sich selbst, den heilsamen Prozess anzutreten, Vertrauen zu sich selbst und der Umwelt langsam aufzubauen – aber für diese Mühe werden Sie mit mehr Glück und Zufriedenheit in den Beziehungen belohnt. Und mit echter Liebe – im Kopf und im Herzen.