Archiv für den Monat: Mai 2016

Offene Beziehung: Fauler Kompromiss oder Liebe 2.0?

offene beziehungEs war einmal eine wunderschöne Prinzessin, die traf den stattlichen Prinz ihrer Träume und sie schwebten glücklich bis an Ende ihrer Tage auf Wolke Sieben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Soweit so märchenhaft. Heute dauert die Ewigkeit ewig – kann da ein Partner tatsächlich genügen? In jeder Hinsicht? Oder vergnügen sich die Königskinder vielleicht anderweitig?

Liebe ohne körperliche Treue – Viele tun es, wenige reden darüber.

Das Konzept der lebenslangen romantischen Liebe zu einer einzigen Person überstrahlt als Ideal viele andere Vorstellungen. Aber: Wie realistisch ist es? Wie viel Selbstdisziplin erfordert es, stets der Versuchung zu widerstehen? Kann man diese Energie vielleicht konstruktiver einsetzen?

Augen zu und durch?

Eine Möglichkeit: Sex mit anderen in Kombination mit Offenheit und Ehrlichkeit dem Partner gegenüber. Nicht selten ist ja der Vertrauensbruch weit schmerzhafter als die schnelle Auswärts-Nummer an sich. Also: Anything goes? Wer kommt denn mit einer derartigen Option auf Dauer klar? Andererseits: Ist das Modell offene Beziehung / Polyamorie nicht vielleicht sogar viel realistischer und erfolgversprechender in Zeiten wie diesen? Oder bleibt immer irgendjemand auf der Strecke?

Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Vielseitig interessierte Menschen kennen das Konzept eventuell aus dem Freundeskreis: Man erwartet einfach nicht, dass der beste Freund / die beste Freundin alle schrägen Hobbies und Freizeitaktivitäten teilt, sondern hat unzählige Gleichgesinnte für ganz spezielle Vorlieben. Keine faulen Kompromisse, keine Zwangsbeglückungen – Der eine kann nicht genug von Ballettaufführungen bekommen, mit der anderen tanzt man regelmäßig auf dem Tisch. Auch wenn die Arrangements im Detail ebenso unterschiedlich sind wie die Bezeichnungen – derzeit im Trend scheint etwa das Modell „Polyamorie“ – eines scheint sich herauszukristallisieren: Jede Beziehung ist anders. Und wenn alle Beteiligten zufrieden sind, dann gibt es wenig gegen die jeweilige Lebensform einzuwenden.

Kann eine offene Beziehung funktionieren?

Tja: Eine einfache Ja/Nein-Antwort wäre schön, nicht wahr? Aber selbst Experten sind sich über diese Frage nicht einig. Festzustellen ist: Vielfach schlittert man am Ende einer langen Partnerschaft, die an der großen „Bürde“ körperliche Treue zu zerbrechen droht, in ein alternatives Modell. Was für die einen der Anfang vom Ende ist kann jedenfalls nur dann eine Chance haben, wenn keiner der Beteiligten sich nur aus Angst auf einen für ihn faulen Kompromiss einlässt.

Wie führt man eine derartige Partnerschaft?

Die Details sind so zahlreich wie die Fehler, die man dabei begehen kann. Aussagekräftige repräsentative Langzeitstudien fehlen bis dato. Beispiele für und gegen diese Lebensform können so gut wie nie auf die Gesamtbevölkerung umgesetzt werden. Freigeister wie Künstler und Querdenker haben sich immer schon an derartige Experimente heran gewagt. Skeptiker meinen, dass dabei immer schon einzelne Beteiligte auf der Strecke geblieben sind. Da man aber in niemanden hinein schauen kann, bleibt es unterm Strich bis dato ein Rätsel.

Nichts als die Wahrheit?

DreiecksbeziehungSich immer wieder in neue Menschen zu „verschauen“ oder gar zu verlieben kann man / frau kaum verhindern. Befürworter der offenen Variante wollen nicht, dass diese wunderbaren Gefühle als etwas Schlechtes oder Bedrohliches angesehen werden. Diese Befindlichkeiten sind also anzuerkennen. Körperlich muss aber – im Gegensatz zum Vorurteil – nicht unter allen Umständen etwas laufen. So oder so: Eine ganz wichtige persönliche Entscheidung ist die Frage „Was genau will ich wissen?“.

Im Vorfeld müssen einige Regeln festgelegt werden. Auch wenn natürlich ein Ausbrechen aus dem strengen herkömmlichen Regelwerk eine wichtige Triebfeder darstellt, kann eine zu leichtfertige Herangehensweise tiefe Gräben aufreißen.

Ja, man selbst und das Herzblatt soll sich konstant weiterentwickeln können. Spirituelles und psychisches Wachstum jederzeit ein brandneues, aufregendes „Ich bin in dich verliebt“ zulassen. Dieses Gefühl der ganz frischen Schmetterlinge im Bauch wird parallel und nicht in Konkurrenz zum tiefen „Ich liebe dich“ angesehen.

Grundsätzlich muss ein „Ich habe da wen kennengelernt“ aber noch lange nicht heißen „Ich will etwas mit jemandem anderen anfangen“. Oft genügt die Möglichkeit völlig – und das Gefühl, sich gegenseitig nicht einzuschränken, sondern dem Anderen neue Erfahrungen von Herzen zu gönnen. Allerdings: Wenn es doch in der Horizontalen endet: Will ich wirklich die Details wissen, wie es war? Vergleicht man sich nicht automatisch? Schnürt es Liebenden nicht zwangsläufig Herz und Kehle zu, wenn das Objekt der Begierde von jemandem anderen schwärmt?

Jene, die es ausprobiert haben, scheinen unterschiedliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Ja: Da man dem anderen ohnehin anmerkt, dass da etwas “im Busch“ ist, schwört so mancher auf völlige Transparenz. Klingt vernünftig. Praktische Selbstversuche zeigen allerdings: Der Teufel schläft nicht. Und viele Konstellationen sind wohl eher zum Scheitern verurteilt. Heißt: Steht man wirklich komplett drüber, wenn man dem Betthupferl von gestern heute bei der Geburtstagsparty des Enkerls über den Weg läuft? Man entdeckt, dass man gemeinsame Freunde und Bekannte hat, die vermutlich nicht alle nachvollziehen können, was sich da genau abspielt? Was, wenn Nachwuchs im Spiel ist und Fragen stellt? Und vor allem: Unschuldig bei jeder Gelegenheit drauflos plappert diesbezüglich?

Häufig wird man aus Erfahrung klug und macht daher verbindlich aus: Niemand aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Um sicherzugehen: Vorher abklären!

Secrets and Lies

Wer jetzt sofort denkt: „Na das klingt ja nicht sehr spontan!“, der hat vermutlich recht. Da Vertrauen und ein gewisser verantwortungsvoller Umgang mit eventuellen Folgen und „Kollateralschäden“ ein essentieller Aspekt ist, muss – zumindest im engeren Umfeld – aber eben das eine oder andere Detail bedacht werden. „Nicht in der eigenen Stadt“ kann eine Regel sein, die daraus resultiert. So mancher geht einen Schritt weiter und „erlaubt“ Abenteuer ohne „Beichte“ davor oder danach außerhalb der Homebase. What happens in Vegas, stays in Vegas …

The more the merrier?

Eine heikle Balance also und eine Ab-und Herantasten zwischen persönlichem Freiraum und gemeinsamer Wohlfühlzone. Ein Tanz zwischen Theorie und Praxis, denn Eifersucht lässt sich einfach nicht auf Knopfdruck abstellen. Selbst wenn man sie als Egoismus ansieht. Aber vielleicht ist es ja doch einen Versuch wert? Besser gesagt: Lohnt es sich nicht tatsächlich, das Besitzdenken über Bord zu werfen und gelegentlichen Ausflügen mit derselben stoischen Gelassenheit begegnen, wie wenn der Partner mit Freunden Fußball spielen geht? Können wir der besseren Hälfte nicht einfach einen spaßigen Abend bei einer ausgelassenen Sexparty gönnen?

Contenance bewahren und „Drüber stehen“ um jeden Preis? Verleugnet man damit nicht schlicht seine Gefühle? Wie schafft man es, sich nicht vom Zauber des Neuen und Unbekannten bedroht zu fühlen und gewiss zu sein, dass mehrere unterschiedliche Individuen ganz von einander unabhängig zusammen sein wollen. Sexuell. Oder spirituell. Im Idealfall: Beides.

Polyamorie – Vielfältige Liebe als Zukunftsmodell?

Jeder mit jedem, Harem, freie Liebe ohne Einschränkung: Viele Mythen entsprechen einfach nicht den tatsächlichen Lebenskonzepten. Polyamorie hat als Symbol ein Herz mit integrierten Zeichen der Unendlichkeit. Das englische Kunstwort „Polyamory aus dem Griechischen „viel, mehrere“ und Latein „Liebe“ steht für den Oberbegriff einer Praxis, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur selben Zeit zu pflegen. Wichtig: Das volle Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner.]

Die Bindungen sind langfristig und vertrauensvoll konzipiert und schließen Verliebtheit, Zärtlichkeit und Sexualität ein.

Die nichtmonogamen Beziehungen sind auf emotionaler Ebene vergleichbar mit Freundschaften oder familiären Bindungen, haben aber eine große sexuelle Komponente, Nicht selten haben Beteiligte bisexuelle Neigungen, die gemeinsam mit dem „Hauptpartner“ ausgelebt werden können.

Dieses Konzept stellt ganz grundsätzlich die Vorstellung in Frage, dass eine Zweierbeziehung die einzig erstrebenswerte oder mögliche Form eines glücklichen Zusammenlebens darstellt.

Ähnlich angelegt ist die Idee einer offenen Beziehung /Partnerschaft /Ehe, in der die „Außenkontakte“ allerdings unterschiedlich tief gehen können. Die Beteiligten stehen einander grundsätzlich und wissentlich die Freiheit zu, auch andere Partner, insbesondere Sexualpartner zu haben. Mit einem Konflikt mit konventionellen Erwartungen an und Moralvorstellungen muss man / frau umgehen können.

Kein Synonym: Offene Beziehung versus Polyamorie

Auch wenn Einzelfälle ähnlich anmuten können, besteht ein essentieller Unterschied: Die Offenheit in einer offenen Beziehung fokussiert in erster Linie auf den sexuellen Aspekt. Gerade in dieser Hinsicht werden meist strikte Beschränkungen festgelegt, was bei Polyamorie oftmals immer wieder neu ausdiskutiert wird.

Beziehungskrisen und Fremdgehen sind übrigens auch diesen Konzepten keineswegs völlig fremd. Je nach Beziehungsform wird zwar die klassische Monogamie abgelehnt, ein kompletter Freibrief ist das aber so gut wie nie.

Wenn die neue Freundin aus Bindungsangst Exklusivität ausschließt, hat ihr Herzblatt schlechte Karten. Vor allem, wenn der Wunsch nach sexueller Untreue einseitig ist, kann am Ende kaum Zufriedenheit bei allen Beteiligten aufkommen. Selbst dann, wenn man am eigenen Leib erfahren hat, dass Geheimnisse das Verletzendste an einem Seitensprung sein können. Manchmal ist das beste Ende für eine monogame Bindung die Scheidung – eifersüchtig andere Konstellationen zu ertragen würde kein Psychologe raten.

Friends with Benefits versus Eifersucht, Einsamkeit und Ehekrise?

Friends with BenefitsBei der Partnersuche setzt jeder auf eine ganz eigene Zusammensetzung aus romantischen, freundschaftlichen und sexuellen Komponenten. In letzter Zeit scheint es eine Häufigkeit an Versuchen zu geben, den nicht unbedingt exklusiven Begriff „Herzensmensch“ neu zu definieren.

Sex und Gefühle trennen zu wollen scheint bei beiden Geschlechtern en Vogue – Ist das  Ende der Monogamie gekommen? Passt die Vorstellung vielleicht einfach nicht für jeden? Es gibt nun mal Einzelgänger, Gruppenwesen und Freigeister, die ihre ganz individuellen Bedürfnisse im sozialen Umfeld suchen. Und finden.

Viele aufregend-atemberaubende neue Erfahrungen mit unterschiedlichen Bezugspersonen gleichzeitig sammeln zu dürfen, die voneinander wissen und einander sogar mögen und bereichern, klingt spannend, aufregend und toll. Die „Beziehungsarbeit“ muss allerdings auch unter einander stattfinden. Mehrere Individuen unter einen Hut zu bringen, erfordert durchaus Energie und Organisation. Manchmal schlittert man durch einen Wechsel der Umstände – etwa räumliche Trennungen – in derartige Konstellationen und glaubt so, das Beste aus allen Welten zu bekommen.

Ein Gefühl von Gemeinschaft, Einheit und Fürsorge kann auch im Rahmen von Gruppendynamik aufkommen. Vielleicht entsteht ja tatsächliche eine Emotion à la Wunschfamilie oder heimeliges Nest…

Leider besteht die Gefahr einer Projektion von sich auf alle Beteiligten: unterschiedlichste Interessen und Bedürfnisse können sich in absoluter Verunsicherung manifestieren, selbst wenn sich alle größte Mühe geben.

Offen über unsere Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren kann man allerdings nur dann, wenn man diese kennt. Das setzt ein grundsätzliches In-sich-Selbst-Ruhen voraus. Und eine gesunde Balance an Egoismus und Gruppenkompatibilität.

Anfang vom Ende?

Nicht selten ist der Freibrief zum Seitensprung ein lahmer Versuch mit wenig Eigeninitiative, wieder mehr Prickeln in eine Beziehung zu bringen. Als allerletzter Ausweg, wenn alles Andere gescheitert ist und man nur noch neben einander her lebt. Ein radikaler Schlussstrich wird aus Gründen wie Bequemlichkeit und Finanzen aufgeschoben. Aufregend, neu, abenteuerlich soll das Leben aber doch rasch werden.

Sündige Stunden außerhalb als Alternativprogramm zum drögen Ehealltag sollen den Kick verschaffen, den man schon so lange nicht mehr spürt. Tja – Warum dann nicht mit erhobenem Haupt einen Schlussstrich ziehen und es tatsächlich mit einer Freundschaft versuchen? Viel spielt sich ja meist im Ehebett ohnehin nicht mehr ab.

Fremdgehen mit Erlaubnis, ohne dabei die eigene Beziehung aufs Spiel zu setzen. Komfort und liebevoller Umgang in der Partnerschaft , Respekt und aufregende Abenteuer gleichzeitig: Eine verlockende Abwechslung, aber kann das gut gehen? Was, wenn man sich doch Hals über Kopf verliebt? Kann man diese Möglichkeit ja ausschließen? Und, last but not least: Ist eine derartige Herangehensweise jemals fair gegenüber den Dritten? Muss nicht irgendjemand zwangsläufig auf der Strecke bleiben?

Die diesbezüglichen Erfahrungen sind völlig unterschiedlich. Nicht zuletzt deshalb, weil jeder sein „Binkerl“ aus vorherigen Bindungen mit sich trägt.

Unbewusste emotionale Erwartungen

Paartherapeuten zeigen sich durchaus skeptisch. Selbstwert und Sicherheit findet man heute oft nicht mehr durch die soziale Umwelt, sondern in der Paarbeziehung. Abenteuer können außerhalb das Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit verletzen.

Fazit: Sündig oder sinnvoll?

Oft stolpern Paare in das Experiment „offene Beziehung“ nach jahrzehntelangen Partnerschaften. Und schmerzhaften heimlichen Seitensprüngen. Ehrlichkeit kann eine Bereicherung sein – oft ist das Vertrauen allerdings so geschädigt, dass der Anfang vom Ende längst absehbar ist. Dann hält man an etwas längst Zerstörtem unnötig lange fest.

Emotionale Nähe und Liebe ja bitte, sexuelle Exklusivität nein danke – ob beides tatsächlich zu vereinbaren ist? Das muss man ganz individuell herausfinden. Drum suche, wer sie ewig bindet… Die Diskrepanz zwischen sicherem Hafen und Abwechslung im Bett spricht für die Liebe ohne körperliche Treue. Ob es das wert ist, zeigt nur der Selbstversuch.

Wer Treue bewahrt, kennt nur die triviale Seite der Liebe. Nur die Treulosen kennen die Tragödien der Liebe. Oscar Wilde

Kommunikationsprobleme zwischen Mann und Frau

Wir müssen reden!

Männer und Frauen kommunizieren unterschiedlichDie wohl meist gefürchtetsten drei Worte in einer Beziehung. Sehr, sehr oft der Anfang vom Ende. Meist ist es viel zu spät, um die Gräben noch zu überwinden. Das Ungesagte hat sich zu einer Mauer aufgetürmt, die keiner der Beteiligten mehr einreißen kann. Oder will. Sprechen Marsianer und Venus-Bewohnerinnen einfach nicht dieselbe Sprache? Die Erfahrung zeigt: Ja. Häufig. Viel zu häufig.

Man(n) kann nicht nicht kommunizieren, postulierte einer, der es wissen muss. Ob Wissenschaftler Paul Watzlawick je im zwischenmenschlichen Bereich am Schweigen der Männer gescheitert ist, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Funkstille tut einer Beziehung jedenfalls nie gut. Ohne Austausch verliert man sich jedenfalls früher oder später. Den kann man zwar nicht auf Biegen und Brechen erzwingen, aber lernen und üben. Und vor allem: Pflegen. „Wir haben uns auseinander gelebt“ bedeutet nicht selten: Wir haben uns viel zu lange nicht mehr die Zeit genommen, zu reden. Und: Zuzuhören!

Du verstehst mich nicht!

Kommunikationsexperten befassen sich jedenfalls schon lange mit dem zwischengeschlechtlichen Kontakt. Der muss nicht nur verbal ausfallen. Auch wenn die zahllosen Klischees von den weiblichen Plaudertaschen und mundfaulen Schweigern nicht aussterben – Anders, als immer wieder behauptet, sprudeln aus beiden Geschlechtern mehrere Tausend Wörter pro Tag heraus. Wie viele genau, konnte bis dato nicht wissenschaftlich fundiert eruiert werden. Fakt dürfte sein: Die Zahlen nähern sich einander an. Im Durchschnitt und in unseren Breiten jedenfalls. Allerdings reden wir zielstrebig und nicht selten permanent an einander vorbei.

Dabei stolpern Paare – bei aller Liebe – auch über ihre eigenen Muster: Subtilität kommt bei Ihm oft einfach nicht an, und bei notorischem Keppeln und Jammern schaltet er flugs auf Durchzug. Sie hingegen ignoriert gerne, was sie nicht sehen will. Wird er immer stiller, kann es gut sein, dass er sich – getreu dem höflichen Motto „Hast du nichts Nettes zu sagen, sag gar nichts“ auf dem inneren Rückzug befindet. Oder aber aus seiner Sicht ist alles paletti, und der Herr schweigt einfach selig vor sich hin. Sollte sich das Kommunikationsverhalten jedenfalls drastisch ändern, heißt es: Hinschauen. Analysieren. Irgendeinen Grund gibt es fast immer. Und wenn es nur daran liegt, dass er sich im Büro den ganzen Tag von der rhetorischen Schokoladenseite zeigen musste…

Kommunikationsprobleme entstehen nicht zuletzt aus jahrhundertealten, tradierten Geschlechterrollen. Frauensprache in Männersprache zu übersetzen und umgekehrt zählt zu den Herausforderungen funktionierender Zweisamkeit.

Übung macht den Meister

Plappermäuler haben einen großen Vorteil: Die Übung. Jedenfalls in ihrer Funktion als Sender. Kommunikation besteht aber aus drei essentiellen Faktoren: Sender – Empfänger – Botschaft. Zuhören kann wichtiger sein als selbst zu sprechen. Das Gesagte kann völlig nachrangig sein, wenn es vor allem darum geht, wieder Kontakt zum anderen aufzunehmen. Ohne letzteren keine Intimität, Sexualität, oder irgendeine Art des Austausches.

Männergespräche

Kennen Sie das? Er trifft sich mit Freunden, verbringt mehrere Stunden mit ihnen. Kehrt zurück, Sie fragt „Was gibt es Neues bei XY?“ und Er hat keinerlei Updates. Null. Dabei kriselt es beim einen, der andere hat eine neue Freundin, der Nachwuchs wurde endlich eingeschult usw. „Worüber habt ihr denn gesprochen?“ fragt man sich als bessere Hälfte. Das starke Geschlecht kommuniziert untereinander völlig anders als die Damen. Und in ihrer Plauder-Welt dreht sich ganz oft alles um banale Gemeinsamkeiten: Sport, Job, Arbeit, Autos. Meist Anlass-bezogen. Und vor Allem: Aufgabenbezogen.

Klischees? Mitnichten. Einfach drauf los plaudern über die Banalitäten des Alltags haben viele nicht gelernt. Die Ladies hingegen kennen eines gut: Im Zuge des unbedarften Drauf-los-Quatschens lösen sich ganz oft Fragen und Probleme, von denen sie bis dato gar nicht wussten, dass sie überhaupt Thema waren. Und so kommt es im besten Fall gar nicht erst zu einem Riesenknäuel an Missverständnissen und Unklarheiten, die aufzudröseln viel mehr Mühe macht als eine rechtzeitige Auseinandersetzung. Durch die konstante Auseinandersetzung miteinander haben die Mädels nicht zuletzt eine wichtige Fertigkeit erworben: Sie erkennen bei ihren Geschlechtsgenossinnen im Plauderton erste Warn- und Alarmsignale und assistieren durch nachfragen und bis zum „Durchkauen“ detailliertes Analysieren schon im Vorfeld, wo ein Stolperstein lauern könnte.

Hallo! Ist da jemand?

Versucht man dann mit dem Holden auf einer ähnlichen Ebene, das Gespräch fortzusetzen, überfordert man ihn schnell. „Komm auf den Punkt!“ scheint er immer wieder zu fordern. Doch den versucht sie grade selbst, zu finden. Oder zu erkennen, ob es überhaupt einen gibt.

Venus ruft Mars?

Vielleicht sind es ja wirklich zwei verschiedene Sprachen. Hinter  Du hörst mir gar nicht zu! Du redest zu viel! Steckt oft die Botschaft: Ich bin mit der Situation überfordert. Ich brauche einen Übersetzer!

Vielleicht hilft ja eine Betrachtung: Worüber redet er mit seinen Buddies? Tja, Klischee hallo: Vor allem über die Firma. Wie läuft’s bei dir? Heißt vorwiegend: Wie geht es im Job. Da kann es in Herzensangelegenheiten noch so sehr kriseln, er wird sich nicht flugs in dieser Causa Rat holen, sondern banale Anekdoten aus seinem Berufsleben von sich geben. Eventuell dann im Nebensatz seufzend irgendetwas Ironisches über den Hausdrachen erzählen.

Es folgen Maschinen aller Art als Thema, und dann eventuelles Aktuelles aus aller Welt wie Sport oder Ähnliches. Herzensangelegenheiten lassen sich die Herren auch unter einander eher aus der Nase ziehen. Und auch dann überrascht es vermutlich die Kumpels nicht, wenn er nur Fakten teilt. Heißt: Die Information „Ich lasse mich scheiden“ kann das Allererste sein, was das nahe Umfeld über Beziehungsprobleme erfährt. Klingt komisch, ist aber so!

Dass vor diesem Hintergrund die banale Frage „Was denkst du gerade?“ zu Irritationen führen kann, verwundert wenig. Auch „Was gibt´s Neues?“ können beim Homo sapiens völlig andere Assoziationen hervorrufen –  je nachdem, ob man über X und Y Chromosomen verfügt.

„Er / Sie redet zu viel“ ist übrigens auch Ansichtssache. Für die Herren bedeutet dies meist: „Plappert über Dinge, die mich nicht interessieren“. Und die Damen kritisieren sehr häufig, dass ER Monologe über sich selbst hält.

 

Tipps

Ist also Hopfen und Malz verloren? Das wäre ja noch schöner!

Mit dieser Übersetzungshilfe klappt´s besser, versprochen!

Die Damen mögen´s gerne indirekt, die Herren allerdings haben es nicht wirklich mit dem Zaunpfahl-Winken. „Verschlüsselte“ Botschaften kommen selten an. Und noch seltener gut. Klar gibt es auf beiden Seiten Meister der Manipulation – Aber wir wollen uns hier dem Austausch auf Augenhöhe widmen.

Statt dezenten Hinweisen bitte also konkrete Ansagen!!

Fünf Faktoren sind entscheidend.

  1. Der richtigen Zeitpunkt

Unterbricht man jemanden unvermittelt bei einer wichtigen Beschäftigung, erntet man vor allem Widerstand. Während einer möglich angenehm gestalteten Pause dann kurz und bündig, umgehend, freundlich und doch hartnäckig zum Punkt kommen!!

  1. Forderungen vermeiden

Das innere Alarmsystem schrillt schnell in höchsten Tönen, wenn man sich in die Ecke gedrängt fühlt. Klassische Abwehrreaktionen vernebeln schnell den Blick aufs Wesentliche. Sachkompetenz und Motivation fördern die Fähigkeit zur Problemlösung. Im Zweifelsfall lieber um etwas bitten und um Rat fragen als es verlangen.

  1. In der Kürze liegt oft die Würze

Langatmige Einleitungen nerven schnell. Schier endlose Begründungen detto. Klare und simple Kommunikation hingegen überzeugt. Wenn es nach Überredungsgeschwafel ausschaut, machen wir alle schnell dicht. Nachfragen und konstruktives Input hingegen schadet eigentlich nie.

  1. Direktheit siegt – aber nur konkret

Was will man wem genau warum vermitteln? Sich vorher selbst kurz darüber klar zu werden kann entscheidend sein. Die meisten von uns freuen uns sehr, wenn man sich in einer konkreten Sache explizit an uns wendet. “Sag, du hast doch damals diese Troubles mit XY so elegant gelöst, vielleicht kannst du mir ja einen Tipp geben in Sachen…“ wirkt nicht selten selbst beim größten Schweiger. Auf der anderen Seite kann ein „Jetzt kennen wir uns schon so lange und haben uns noch nie über YZ unterhalten“ kann weit mehr bewirken als „Erzähl mir was“. Faustregel: Je genauer Frau weiß, was sie (erfahren) will, desto eher wird Mann sie verstehen.
No-Gos sind vorwurfsvolle, verallgemeinernde Plattitüde à la „Immer muss ich dir alles aus der Nase ziehen“, oder „Nie erzählst du mir etwas“.

  1. Konjunktive vermeiden

Der Sprachgebrauch in der Arbeitswelt besteht meist aus eindeutigen Ansagen. Den sind die Herren der Schöpfung gewöhnt. Klingt banal, aber wenn man es sich laut selbst vorsagt, merkt man: „Wir könnten mal wieder ausgehen“ „Würdest du nicht auch gerne ans Meer fahren (Antwort: „Ja“ und die Sache ist abgehakt) hat eine ganz andere Dynamik als „Komm, wir planen jetzt einen Pärchen-Abend, der uns beiden Spaß macht“ oder „Lass uns noch heute einen Urlaub buchen!“. Für Frauen klingt das höflicher, Männer sind eher irritiert und haken die Konversation im Handumdrehen ab.

Vielleicht ein evolutionäres Erbe. „Man könnte sich gegen den Säbelzahntiger schützen“ scheint tatsächlich wenig zielführend.

Staunen und Wundern

Auch wenn es gerade in Sachen Kommunikationsverhalten zwischen den Geschlechtern so häufig scheint, als wäre es ohne Hilfe professioneller Psychologie unmöglich, auf einen Nenner zu kommen, liegt Vieles schlicht an der Einstellung. Die Geschichte von Partnerschaften ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Der renommierte Paarberater Michael Mary empfiehlt schlicht einen offenen, neugierigen Blickwinkel. Der Partner, die exotische Spezies von einem anderen Kontinent. Was hat sein geheimnisumwitternder Stamm für einen Gesprächs- und Kommunikationsstil? Auf welcher verbalen Ebene kann ich mich mit ihm austauschen?

Sehen wir den Austausch doch einmal wie das „Mit-Händen-und-Füßen-Gestikuliere“ in einem fremden Land, dessen Sprache wir nicht beherrschen. Aufgabenbezogen. Muss man elegant-eloquent die typischen lokalen Köstlichkeiten bestellen können. Was zählt ist, dass man am Ende des Tages gemeinsam neue Erinnerungen geschaffen hat, die verbinden.

Mein Partner, das fremde Wesen. Wenn man sich den Zauber des Unbekannten und Rätselhaften bewahren kann, ist die komplexe Aufgabe der Kommunikation und des Austausches eine atemberaubende Reise, die beide Seiten bereichert. Hineinschauen kann niemand in den anderen – und zu erwarten, dass das Herzblatt Gedanken lesen kann, ist schlicht zu viel verlangt.

Übersetzungshilfen schaden nie. Nachfragen auch nicht. Jeder hat seine Eigenheiten. Manchmal können wir einfach nicht auf den Punkt kommen und sagen das eine und meinen das andere. Das geschieht nur allzu oft völlig unbewusst, daher sind Vorwürfe diesbezüglich selten angebracht. Interpretieren wir weniger, kommunizieren wir mehr.

Wie meinst du das? Warum fasziniert dich das? Was für einen Stellenwert hat das in deiner Welt? Kann es sein, dass… Was würdest du an der momentanen Situation am liebsten ändern? Was gefällt dir in deinem Leben derzeit am besten?

Der kleine feine Unterschied wird in vielerlei Hinsicht auch biologistisch erklärt. Vielleicht haben wir kaum Chancen, weil wir die beiden Gehirnhälften unterschiedlich nützen. Und das Sprachzentrum schlicht anders platziert ist. Vielleicht werden wir es nie erfahren. Ja, Männer sind anders. Frauen auch. Aber vielleicht macht es ja gerade das so spannend. Meister großer Worte fallen nur spärlich vom Himmel, und wenn, dann landet man trotzdem nicht zwangsläufig im siebtem Himmel mit ihnen.

Ordnung in die Gedanken bringen

Eventuell verarbeiten wir ja etwa die unspektakulären Geschehnisse des Alltages abends einfach differenziert. Während Sie Ihn gern an der Türe mit ihren Erlebnissen bombardiert, braucht er eben eine Weile, um in Ruhe seine Gedanken zu ordnen. Weil er sie nur dann teilen kann. Sie ordnet und teilt gleichzeitig. Aber wir alle kennen mittlerweile auch Gegenbeispiele, oder? Nicht alle Damen telefonieren gerne stundenlang ohne konkreten Anlass, manche Herren sind die besten Zuhörer.

Über Gefühle zu reden oder Probleme breitzutreten, hat das schöne Geschlecht eher gelernt und perfektioniert. Er sieht keinen Sinn darin, jemanden mit hinter zu ziehen, solange es keine handfesten Lösungsstrategien gibt. Das kommt nicht zwangsläufig einem Vertrauensmangel gleich. Harte Fakten sind ihre Welt, so wurden sie fast durch die Bank erzogen. Da mangelt es sogar am Vokabular. Vielleicht leiden die Herren ja so dermaßen ausgiebig, wenn sie verschnupft sind? Wer weiß. Jedenfalls funktioniert die Kommunikation nur ganz selten von Null auf Hundert. Lässt man den Besten über seine Lieblings-Topics plaudern, stehen die Chancen besser, danach etwas tiefer zu gehen.

Übung macht den Meister. Kleine Rituale auch. Häufig spricht er im Laufe einer Partnerschaft immer weniger. Schade! Ein einfühlsames SMS, ein paar liebe Worte auf einem Post-it am Kühlschrank, so manch ein verliebter Schweiger schafft es doch, Zeichen zu setzen und sein Herz wenn schon nicht auf der Zunge zu tragen, doch in Buchstabenform auszuschütten. Dass das kein Zeihen von Schwäche ist, muss sich wohl noch flächendeckend herumsprechen. Reden wir darüber!

„That´s when you know you found someone really special. When you can just shut the f* up for a minute an comfortably enjoy the silence“ Pulp Fiction, Mia